Die Therapie der Seele

Die Wunden unserer Seele heilen

Dr. José Luis Cabouli, Autor einer Reihe spanischsprachiger Bücher über vergangene Leben und die Therapie der Wunden der Seele, definiert die Therapie der vergangenen Leben (TvL) als eine transpersonale psychotherapeutische Technik. Damit sind alle Erfahrungen gemeint, die in der Person selbst aufsteigen, um sich mit dem kosmischen Bewusstsein, der Exstase und den mystischen Zuständen zu vereinigen. Transpersonale Erfahrungen haben die Propheten, die Apostel und die Meister des Lichts wie Buddha, Moses, Jesus und Mohammed gemacht. Das ganze Leben von Jeanne d’Arc ist ebenso wie die Tätigkeiten der Schamanen eine transpersonale Erfahrung.

Man kann die TvL aber auch einfacher definieren als eine Seelentherapie, denn die Schmerzen sind in der Seele, und sie ist es, die gesund werden muss. Es ist die Heilung durch den Geist.

Die Griechen nannten die Seele Psyche. Daraus leitete sich der Begriff Psychologie ab. Die Psychologie ist also das Studium der Seele und ihrer Ausdrucksformen.

Wollten wir einmal unser eigenes Leben untersuchen, so würden wir sicherlich auf zahlreiche Erfahrungen stoßen, die uns tief geprägt haben. Schläge in der Kindheit, der frühe Tod eines engen Angehörigen, vielleicht die Scheidung unserer Eltern oder die Trennung von einem Elternteil oder eine harte Erfahrung in der Schule, eine enttäuschte oder eine hintergangene Liebe, politische Verfolgung, Exil, ein schwerer Unfall, vielleicht eine traumatische erste sexuelle Erfahrung oder gar eine Vergewaltigung in der Kindheit sowie hunderte andere schmerzhafte Erlebnisse, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Eine einzige solche Erfahrung reicht, um das Verhalten einer Person für ihr ganzes Leben zu prägen. Schon ein einziges derartiges Erlebnis kann sich zu einem Trauma verwandeln.

Und was ist ein Trauma? Es ist einfach eine Erinnerung an ein mit einer Emotion belastetes Ereignis. Mit der Zeit geht die Erinnerung verloren, die emotionale Belastung jedoch bleibt in unserem Unterbewusstsein erhalten und bestimmt von dort aus unser Verhalten, unsere Art zu leben und unsere Reaktion in ähnlichen Situationen. Ein einziges Ereignis in unserem jetzigen Leben kann die Ursache für all dies sein. Nun ist es so, dass wir im Laufe von tausenden von Existenzen zahllose prägende Erfahrungen gemacht haben. Von jedem Vorkommnis bleiben in unserer geistigen Erinnerung jede Geste, jedes Wort, jede Emotion, jeder Gedanke und jedes Gefühl gespeichert.  Es handelt sich nicht um unsere physische oder genetische Erinnerung; die Wissenschaftler nennen es vielmehr eine außercerebrale Erinnerung. Vor 2000 Jahren sagte Plutarch, dass die Erinnerung eine Fähigkeit der Seele sei.

Die Seele sammelt in jeder neuen Existenz Kenntnisse und Fähigkeiten, sie lernt Dinge, auf denen das nächste Leben aufbaut und die sich weiter entwickeln. Gleichzeitig entstehen während dieses Lernvorgangs jedoch Emotionen, Gefühle und Gedanken, die ebenfalls fest gespeichert werden. Ein unerfüllter Wunsch sucht im nächsten Leben nach seiner Erfüllung. Eine angenehme Erfahrung sucht nach einer Wiederholung. Ein wiederholtes Verhalten wandelt sich zu einer Tendenz. Eine ungetilgte Schuld sucht durch Selbstbestrafung nach ihrer Auflösung. Ein unbehobener Schmerz setzt sich weiter fort, bis die offen gebliebene Wunde geheilt wird. Eine traumatische Erfahrung wandelt sich zu einer Warnung und drückt sich im täglichen Leben als Blockade aus, als Angst oder als Unfähigkeit, bestimmte Dinge zu tun.

Tag für Tag ist unsere heutige Welt Schauplatz von Gewalt in all ihren Formen. Denken wir an die Vergangenheit, in der wir hunderte von gewaltsamen Toden erleben konnten: vom unseren Schädel zerschmetternden Keulenschlag eines primitiven Kriegers bis zur Verbrennung unter der Inquisition, von der Guillotine unter der französischen Revolution, dem lebendig Begrabensein in einem Bergwerk, durch Ertrinken bei einem Schiffbruch bi hin Ersticken in einer Gaskammer. Eine einzige dieser Erfahrungen reicht aus, um die unterschiedlichsten Verhaltensweisen hervorzurufen: eine Phobie, chronische Kopfschmerzen, Angst vor Reden in der Öffentlichkeit oder vor dem Bekenntnis einer Religion, ein ängstliches und defensives Verhalten oder aber aggressive und heftige Reaktionen beim geringsten Widerstand.

Außerdem wiederholen sich die Situationen im Laufe der verschiedenen Leben. Nicht immer war der Tod das traumatische Ereignis. Genauso wie in unserem jetzigen Leben wurden tausende Ereignisse tief in unserem Gedächtnis gespeichert: Sklaverei, Folter, Ohnmacht angesichts einer Katastrophe, Verrat, Lüge, Untreue, Machtmissbrauch, Zurückweisung und hunderte von Situationen, in denen der psychische Schmerz viel intensiver als der physische Schmerz war. So legt sich dieses Paket unbewältigter Emotionen vom Unterbewusstsein her wie ein Schatten auf jeden Akt unseres Lebens.

Die alten weisen Hindus bezeichneten diese Kräfte des Unterbewusstseins als Samskáras und Vâsanâs, Eindrücke der Vergangenheit bzw. latente Tendenzen. Diese Eindrücke und Tendenzen sind Überbleibsel der in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen, die im Gedächtnis der Seele gespeichert wurden und von dort aus das Leben der meisten von uns beeinflussen. Dort liegt der Ursprung unserer Ängste, unserer Vorstellungen, unserer Verhaltensmuster, die Wahl unseres Lebens, ebenso wie die Aversion oder die Anziehungskraft gegenüber bestimmten Personen oder Orten. In jeder Situation unseres täglichen Lebens, die uns bewegt, reagieren wir unwissentlich in Übereinstimmung mit diesen Kräften des Unterbewusstseins. Bei unserer Reaktion in der Gegenwart werden auf einer anderen Ebene unsers Bewusstseins die Samskáras bzw. die verbliebenen Eindrücke der Vergangenheit geweckt. Vergangenheit für das tägliche Bewusstsein, nicht jedoch für die Seele oder das transpersonale, kosmische und ewige Bewusstsein, für das es eine Zeit nicht gibt.

Je zeitloser, ungewöhnlicher und herausragender eine Reaktion ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine Emotion mit Ursprung in einem früheren Leben handelt. Die heutige Situation ist nur Auslöser für die Reaktivierung der emotionalen Erinnerung an die Vergangenheit.

Die Seele kennt, wie gesagt, keine Zeit. Alles ist da, gleichzeitig. So, wie wir Abschnitte unseres gegenwärtigen Lebens sofort abrufen können, sind auch alle anderen Leben und erlebten Erfahrungen gespeichert. In Wirklichkeit leben wir viele Leben gleichzeitig. Während wir in der Gegenwart leben, erlebt unsere Seele in jeder Situation, bei jeder Emotion erneut gleichzeitig die Tat oder die Taten, bei der oder bei denen sie zum ersten Mal diese Emotion spürte. Wir reagieren in der Gegenwart nicht in Übereinstimmung mit dem, was gerade abläuft, sondern mit dem, was unsere Seele erneut erlebt. Wenn wir nicht im Hier und Jetzt leben können, wenn wir nicht der sein können, der wir sind, so liegt das daran, dass die Vergangenheit mit ihrer Last der unbewussten Kräfte interferiert und uns daran hindert, die jetzige Situation so zu sehen, wie sie ist. Wir sehen die Gegenwart durch das Filter unserer Samskáras.

Die TvL ermöglicht uns, an den Ursprung dieser Eindrücke zu gehen, an die Wurzel unserer Schmerzen. Wir können den Ort und den genauen Zeitpunkt erreichen, als diese tiefen emotionalen Kräfte erzeugt wurden. Wir können sie auffinden, identifizieren und uns genau jetzt von ihnen befreien, befreien von dieser latenten, blockierten Energie, die unser Leben bestimmt. Es reicht jedoch nicht, die Erinnerung wach zu rufen. Es ist notwendig, den für diese Emotion ursächlichen Vorgang im eigenen Körper zu erleben und zu fühlen.

Deshalb ist die TvL ein grundlegendes Erleben und bedeutet, dass der Körper die in der Seele latent vorhandenen Emotionen in voller Tiefe erlebt.

Dazu braucht man nirgendwohin zu reisen. Es geht nur darum, diesen Vorgang, diese Emotion, die unsere Seele immer wieder erlebt, ohne dass wir es wissen, ins normale Bewusstsein zu bringen. Durch das erneute Erleben der ursächlichen Situation können wir uns von dieser Emotion durch unseren Körper befreien. Dabei erleben wir nicht nur die Emotionen, sondern auch die körperlichen Empfindungen jener Momente. Der Körper, das bewusste Empfinden, wirken für die Seele wie ein Ventil, wobei sie endlich von diesen aufgestauten Energien gereinigt und befreit wird. Und damit stellt sich die Heilung ein. Plötzlich versteht unser Geist. Wir verstehen das Warum. Wenn morgen oder in einer Woche die gleiche Situation eintritt wie die, in der wir bisher immer Angst hatten, können wir sie jetzt mit anderen Augen sehen, und zwar so, wie sie ist. Ganz unbewusst reagiere ich anders. Vielleicht sogar, ohne mir bewusst zu sein, dass etwas passiert ist, denn diese aufgestaute Emotion existiert nicht mehr. Ich brauche nichts zu tun, denn ich handele einfach frei und spontan.

Die Schmerzen, die Emotionen, die Samskáras sind nicht im physischen Gedächtnis. Sie befinden sich im außercerebralen Gedächtnis, in der Seele, im Geist, im äußeren Körper oder Astralleib, wie immer man es nennen will.

Deshalb ist die Therapie der vergangenen Leben eine Therapie der Seele.

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